Ein seltenes Horizontal-Mikroskop von Chevalier

A very special microscope from Chevalier


(short version in english at the end)

 

Das Haus Chevalier zu Beginn des 19. Jh.

 

Vincent Jaques Louis Chevalier (1770 - 1841) erbte die Firma, die seit 1765 in Paris wissenschaftliche Instrumente fertigte, 1804 von seinem Vater, Louis Vincent Chevalier (1743 - 1800). Von 1821 bis 1831 bestand eine Partnerschaft zwischen Vincent Jaques Louis Chevalier und seinem Sohn, Charles Louis Chevalier (1804 - 1859), unter der Adresse: 69, Quai de l´Horloge, Paris. Die Zusammenarbeit wurde 1831 nach offenbar erheblichen Differenzen zwischen Vater und Sohn beendet. Charles Louis Chevalier gründete daraufhin seine eigene Firma mit der Adresse 163, Palais Royal, Paris. Nach dem Tod von Vincent Jaques Louis Chevalier wurden beide Firmen seit 1841 unter der Führung von Charles Louis Chevalier wieder vereinigt. Die Firma bestand bis ca. 1859.

                                                 

             

              

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Zur Vorgeschichte und Entstehung dieses Mikroskops:

 

Giovan Battista Amici (1786 - 1863) hatte 1813 ein erstes Mikroskop mit einem Reflexionstubus gefertigt. Dieses Fertigungsprinzip vermeidet weitgehend die chromatische Aberration, die bei Linsen unvermeidlich war. Die Fertigung der notwendigen Spiegel war jedoch äußerst schwierig. Diese neue Form eines horizontalen Mikroskops wurde der Öffentlichkeit erst 1818 von Amici vorgestellt.

Nach mehreren Jahren erfolgloser Experimente mit achromatischen Objektiven hörte Amici, daß Selligue und Chevalier in Paris 1823/24 erste Erfolge mit achromatischen Mikroskopen erzielt hatten. Im Zuge seiner weiteren Bemühungen besuchte Amici im Mai 1827 die Chevaliers in Paris und brachte ihnen sein von ihm entwickeltes horizontales Mikroskop mit. Diese ungewöhnliche Form schien die Chevaliers zu überzeugen. Denn unmittelbar darauf begann die Firma Chevalier mit der Produktion ihrer bekannten Horizontal-Mikroskope.

Noch während der Anwesenheit Amicis in Paris - und durch seine Ratschläge unterstützt - entstand ein erstes Horizontalmikroskop, welches auf einer Ausstellung im Louvre auf Anhieb eine Silbermedaille gewann.



 
 
 
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Das hier beschriebene und abgebildete horizontale Mikroskop besitzt als Besonderheit zwei Tuben: einen Tubus nach dem Reflexionsprinzip und einen zweiten - zusammengesetzten - Tubus. Die Signaturen auf den Tuben mit gleichzeitiger Angabe des jeweiligen Herstellungsjahres der Tuben weisen darauf hin, daß das Mikroskope recht kurz nach dem Besuch Amicis in Paris entstanden sein muß. Damit handelt es sich offensichtlich um eines der ersten Horizontal-Mikroskope der Firma Chevalier, das zudem noch mit einem Reflexionstubus ausgestattet ist. Gleichzeitig ist es ein äußerst seltenes Exemplar - vielleicht ein Unikat - mit den zwei Tuben gemäß den zwei optischen Prinzipien.


 
 
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Beschreibung des Mikroskops:

 

Horizontal-Mikroskop von Chevalier, voll Messing, original zaponiert, 2 Tuben, jeweils datiert 1828 und 1829, Höhe auf den Kasten montiert 42 cm, der sehr gut erhaltene Kirschholzkasten hat die Maße 37 * 29 * 14,4 cm; 5 Okulare für beide Tuben jeweils passend; Länge des Tubus nach dem katadioptischen Prinzip (Reflexionstubus - "reflecting microscope") 31 cm, Länge des dioptrischen Tubus ("compound microscope") 17 cm (dieser ist noch weitere 12 cm ausziehbar); beide Tuben mit Messingschutzkappen; zwei Objektivsätze bestehend aus einem 3teiligen verschraubbaren Objektiv (1+, 2+ und 3+ gekennzeichnet) und einem 4teiligen verschraubbaren Objektiv (0, 1, 2 und 3 numeriert), Grob- und Feineinstellung durch Zahn und Trieb; dabei wird der Tisch in der Höhe verstellt; der Tisch ist gleichzeitig ein Beispiel eines frühen Kreuztisches; die Rändelschraube hinter dem Tisch und die mit einem Mikrometer mit Silberskala versehene Schraube links vom Tisch verursachen die vertikale Bewegung des Tisches; unter dem Tisch befindet sich eine abklappbare Revolverscheibe mit hülsenartigen Lochblenden; der Spiegel wird ebenfalls per Zahn und Trieb an der Stativsäule bewegt; schöne handgravierte Signatur auf beiden Tuben:
"Vincent Chevalier ainé et C. L. Chevalier Opticiens Brevetés à Paris, 1828." (katadioptrischer Tubus)
"Vincent, et C. Chevalier; Optns Brevetés Quai de l´horloge No. 69 à Paris, 1829." (dioptrischer Tubus) Zusätzlich gibt es weiteres nicht fest mit dem Mikroskop verbundenes Zubehör: Auflichtlupe wie bei Amicis Mikroskopen vor dem zusammengesetzten Tubus, eine zusätzliche Tischoberfläche aus Ebenholz, 5 verschieden große Lieberkühnspiegel (Befestigung an beiden Tuben möglich), 2 Zeichenapparate mit Prismen, eine weitere Auflichtlupe für den Tisch, ungewöhnliche Froschplatte, 2 Tischeinsätze aus Messing, Werkzeugschlüssel zum Drehen und Verschrauben des Mikroskops auf dem Kasten, Kastenschlüssel. Das Zubehör dieses Mikroskops ist 100%ig komplett vorhanden. Kein Platz in dem großen Holzkasten und in den diversen Kasteneinsätzen bleibt frei. Alle Teile sind vollkommen funktionsfähig, zu diesem Mikroskop gehörig und original zaponiert.

 

 

 

Mechanischer und optischer Erhaltungszustand:

 

Bewertung der Mechanik: alle Triebe und beweglichen Teile funktionieren einwandfrei, kein Zahn ist beschädigt; Bewertung der optischen Eigenschaften: beide Tuben des Mikroskops funktionieren offensichtlich mit den Eigenschaften zur Entstehungszeit des Mikroskops; Bewertung der Erhaltung: guter bis zumeist sehr guter Zustand der Zaponierung; vollständig komplett, alle Teile sind absolut original und vorhanden, im Kasten und den diversen Zubehörkästen fehlt nichts; sehr schöner und bestens erhaltener Obstholzkasten (vermutlich Kirsche).

 

Fazit:

 

Bei dem hier vorliegenden Gerät handelt es sich um ein ungemein reichhaltig ausgestattetes und bestens erhaltenes französisches Mikroskop in einer seltenen Bauart. Durch Kenntnis der Vorgeschichte des Herstellers in Verbindung mit Amici und durch die vorhandenen Datierungen auf dem Gerät lässt sich sagen, dass es sich um eines der ersten Horizontal-Mikroskope der Firma Chevalier handeln muß. Eine große Besonderheit stellt das gleichzeitige Vorhandensein der beiden Tuben dar, des katadioptrischen und des dioptrischen. Weltweit scheint kein weiteres Exemplar dieses Mikroskoptyps in einem Museum vorhanden zu sein.

 

Quellenangaben:

 

Turner, Gerard L´E. Catalogue of microscopes. Museo di Storia della Scienza. Florenz 1991.
(Hier findet man verschiedene Mikroskope Amicis, denen das hier beschriebene Mikroskop von Chevalier gleicht.)

 

 

 

Giovan Battista Amici (1786 - 1863) made his first reflecting microscope in 1813. This new horizontal design was first published in 1818. For several years Amici tried to make achromatic objektives for his microscope without success. Having heard of Selligue´s and Chevalier´s success with achromatic lenses in Paris Amici visited father and son Chevalier (Vincent Jacques Louis and Charles Louis Chevalier) in 1827. Seeing the design of Amicis microscopes the Chevalier´s began to make horizontal microscopes.


The very rare microscope shown here has as a speciality 2 tubes: a reflecting and a compound one. Both tubes are signed and dated 1828 and 1829:
"Vincent Chevalier ainé et C. L. Chevalier Opticiens Brevetés à Paris, 1828." (reflecting microscope)
"Vincent, et C. Chevalier; Optns Brevetés Quai de l´horloge No. 69 à Paris, 1829." (compound microscope)
That means that this microscope was made only one year after Amici´s visit in Paris. It means as well that this microscope is one of the first horizontal microscopes from the workshop of Chevalier.


Father and son Chevalier had difficulties with each other and finished their partnership in 1831. Charles Louis Chevalier had his own shop then with the adress: 163, Palais Royal, Paris. After the death of Vincent Jacques Louis Chevalier in 1841 Charles Louis Chevalier was the owner of both workshops.